Spielen ohne Spielzeug

27.10.2014

Gelungenes Projekt im Antonius-Kindergarten Hirschau

Hirschau. (ads) Ein spielzeugfreier Kindergarten – undenkbar!
Das ist wohl die erste Reaktion eines jeden, dem man mit so einer Idee
kommt. Dass sie aber hervorragend funktioniert und sogar noch Vorteile mit sich
 bringt, zeigte sich im Antonius- Kindergarten in Hirschau. Die Kindergarten-Leiterinnen
 Alexandra Birzer und Evelyn Högl hatten eine dritte Auflage des Projekts gestartet,
nachdem es in den Jahren 2001 und 2003 schon sehr erfolgreich gelaufen war.
Verblüffende Ideen
Und das funktionierte so: Innerhalb von einer Woche wurden aus dem Kindergarten alle Spielzeuge entfernt,
wobei die Kinder die Reihenfolge selbst bestimmten. „Die Kinder legten große Kreativität und ebenso viel
Fantasie an den Tag und entwickelten Spielideen, die uns als Erzieherinnen verblüfften“,
so Alexandra Birzer. Das waren etwa ein Zahnradbau, die Konstruktion und Verlegung einer Wasserleitung
oder der Bau von Wassergruben und Dämmen. Garten-Küche, Detektive, Eisdiele und Feuerwehr hießen
die Rollenspiele (teils unter Einbeziehung der Möbel), die die Kinder entwickelten. Sie bastelten sich
auch Puppen für ein Puppentheater selbst.
Oma- und Opa-Tag
Zufällig sei aus einem Spiel auch ein „Arbeitseinsatz“ geworden, als die Kinder mithalfen,
ein Loch für einen Reifen als „Prellschutz“ zu graben, erzählt Alexandra
Birzer. Das Projekt gipfelte in einem Oma- und Opa-Tag, wo die Großeltern interviewt
wurden, was sie früher so ohne „typisches Spielzeug“ gespielt hatten. „Uns war es
wichtig, dass die Kinder ihre eigenen Spielideen entwickeln und umsetzen. Das erforderliche
Material stellten die Erzieherinnen bereit“, erläutert Alexandra Birzer. Ihr sei auch aufgefallen, dass
das Projekt größere Spielgruppen forderte und folgende Phasen zu beobachten waren: Ideenentwicklung,
Planungsphase, Materialbeschaffung, die Bauphase und Problemlösung, wobei es sehr sachliche Diskussionen,
Ergänzungen und Umbauten und Optimierungen gab.
Weniger Spielsachen
„Die Mehrheit der Kinder hatte überhaupt kein Problem
mit den fehlenden Spielsachen und hat sie gar nicht sehr vermisst“, resümiert Alexandra Birzer. Am
Ende des Projekts konnten die Kinder dann wieder bestimmen, in welcher Reihenfolge und wie viele Spielsachen
sie wieder einräumen möchten – und siehe da: „Die Kinder wollten gar nicht mehr so viele Spielsachen.“
Hintergrund
Der „spielzeugfreie Kindergarten“ entstand 1992 als ein Projekt zur Suchtprävention für und mit Kindern, weiß
Alexandra Birzer. Erklärtes Ziel ist dabei, dem Kind Frei- Raum, Zeit und Entfaltungsmöglichkeiten zu sichern:
„Es geht bei diesem Projekt darum, wieder Spielraum zu schaffen für Fantasie und Kreativität und damit auch
für Selbstbestätigung und Selbstbewusstsein, sprich: um die Stärkung der Persönlichkeit der Kinder bereits im
Kleinkindalter.“ Das Angebot für das Projekt sei vom Gesundheitsamt des Landkreises gekommen, wo
Diplom-Sozialpädagoge Gerhard Fleischmann auch die Umsetzung vor Ort begleitete.
Laut Fleischmann ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen die vielfältige „Lebenskompetenzen“ entwickelt
haben, weniger suchtgefährdet sind. Zu diesen Lebenskompetenzen zählten etwa ein sicherer Umgang mit der Sprache,
Beziehungsfähigkeit, verstärkte Wahrnehmung persönlicher Bedürfnisse und die Entwicklung von Selbstvertrauen.
„Dazu gehört auch die Erfahrung, dass nicht alles klappt, dass man Fehler macht und dass man
Niederlagen aushalten muss“, betont Fleischmann.