Durchs nächtliche Hirschau

Regina Merkl zusammen mit Kinder- und Jugendgarde mit dem Nachtwächter unterwegs

Hirschau. (u) Man schrieb das Jahr 1938, als letztmals ein Nachtwächter zu später Stunde durch Hirschaus Straßen und Gassen ging. Sein Name stand für seinen Beruf. Er hieß Georg Wächter. In diesen Tagen war wieder ein Nachtwächter unterwegs –
Stadtheimatpfleger Sepp Strobl. Anders als Georg Wächter war er nicht alleine. In Strobls Gefolge befand sich Regina Merkl mit ihrer
Kinder- und Jugendgarde.

Sepp Strobl hatte den heurigen Kinderfaschingszug in der Kluft des Nachtwächters angeführt. Das Kostüm machte eines der Gardekinder neugierig. „Was hast denn du heute für eine Kleidung an und warum hast du den langen Spieß dabei?", wollte die Kleine wissen. Mit der Antwort, dass er sich als Nachtwächter verkleidet habe, kam ihm zugleich die Idee, den Gardekindern bei einem abendlichen Rundgang zu zeigen, was der Nachtwächter alles für Aufgaben zu erfüllen hatte.

Ausgerüstet mit Hellebarde, Laterne und Horn ging es nun durchs nächtliche Hirschau. Am Fuße des Kirchturms erfuhr die Gruppe, dass es in der Stadt verschiedene Wächter gab. So übte der Türmer sein Amt auf dem Kirchturm, später auf dem oberen Stadttorturm aus. Der letzte namens Josef Engelmann tat dies bis zu seinem Tod 1913.

Die Torwärter, die im Haus neben dem jeweiligen Stadttor wohnten, verschlossen dieses abends bis zum Jahr 1835. Der Nachtwächter schließlich machte seine Rundgänge durch die Stadt sogar bis zum Jahr 1938 vom Einbruch der Dunkelheit bis zum Tagesanbruch. Von der Kirche aus ging es zurück zum Rathaus. Dass es im Rathaus auch ein Gefängnis gab, das als „Hammerloch" bezeichnet wurde, wussten die Älteren schon von ihrer schulischen Stadtführung. Durch die Postgasse, die einzige in der das original Hirschauer Pflaster mit seinen Katzenköpfen noch erhalten ist, zog man zur Stadtmauerngasse.

An deren Ende lieferten sich in einer dunklen Ecke zwei betrunkene Handwerksburschen eine Rauferei. Sie wurden vom herbeigerufenen Gendarmen sofort abgeführt und ins „Hammerloch" gebracht. Weiter führte der Weg zur Hirschengasse. Dort bog man ins „Schermgassl" (Mittlerer Torgartenweg) ein. Auf der Strecke zur oberen Mühle erläuterte der Nachtwächter seinen Begleitern die verbliebenen Reste der Stadtmauer und der runden Wachtürme.

Im Westteil der Stadt marschierte man durch die schmale Hirtengasse zum oberen Stadttor. Da erschallte nach genau einer Stunde der letzte Nachtwächterruf, der den außergewöhnlichen Rundgang schließlich beendete.