Auf ein Bad zum Bäcker

18.12.2018
Auf ein Bad zum Bäcker

Erinnerungen an das „Hutzagöih“ – Tradition lebt einmal im Monat in Schnaittenbach auf

Schnaittenbach. (ads) Als es noch keinen Fernseher gab, machten sich gerade die Bewohner auf dem Land nach getaner Arbeit abends auf zum „Hutzagöih“ zu einem der Nachbarn im Dorf. In der guten Stube setzte man sich dann zusammen, um die Neuigkeiten aus dem Dorf auszutauschen und zu ratschen. Dabei wurde gebastelt, musiziert sowie gebacken, gekocht und eingemacht. Im Wandel der Zeit ist das „Hutzagöih“ allmählich eingeschlafen. Trachten und Kulturvereine sowie Brauchtums- und Heimatfreunde halten in vielen Ortschaften noch an dem uralten Brauch fest oder haben diesen wieder neu belebt und laden in die Hutzastub’n ein.

In Schnaittenbach öffnet einmal im Monat eine solche Hutzastub‘n im Alten Rathaus, für die sich Marille Dagner mit Team verantwortlich zeichnet. Hier wird über Gott und die Welt geplaudert und gebastelt. Marille Dagner bedauert es, dass die Generation, die mit dem „Hutzagöih“ aufgewachsen ist, langsam ausstirbt.

Erwin Meier und Georg Pfab vom Heimat- und Volkstumsverein Ehenbachtaler können sich allerdings noch sehr gut an das „Hutzagöih“ erinnern. Die Eltern von Georg Pfabbetrieben die von den Großeltern 1928 eröffnete Bäckerei in zentraler Lage in Schnaittenbach. Er erinnert sich, dass jeden Abend die Schnaittenbacher zum Hutzan zu ihnen in die Backstube gekommen sind. Hier war es nach seinen Aussagen wohlig warm und vorallem gab es auch ausreichend Warmwasser, sodass so mancher abendliche Besucher sich hier auch ein Bad gönnte. Für etwas zum Essen war mit den vom Tagesverkauf übriggebliebenen Backwaren vom Geschäftbestens gesorgt.

Georg Pfab weiß noch, dass in der Hutzastub‘n stets die Neuigkeiten aus Schnaittenbach und Umgebung ausgetauscht wurden. Gut in Erinnerung hat Georg Pfab noch, dass bei ihnen in der Hutzastub‘n weniger gebastelt, dafür mehr gesungen und musiziert wurde. Er selbst hatte eine Ziehharmonika im Kleinformat, mit er die Sängerinnen und Sänger aus den Reihen der Schnoittenbecker Moila und des Kirchenchors begleitete. Als die abziehenden Amerikaner sein außergewöhnliches Musikinstrument beschlagnahmten, ersteigerte ihm sein Vater 1935 für 40 Pfund Mehl und einen Schlegel G’selchts eine neue Ziehharmonika. Georg Pfab erinnert sich auch, dass in Schnaittenbach bei den Lindner Boum ebenfalls ein beliebter Treffpunkt für die Hutzagöiher gewesen ist.

Etwas anders gelagert sind die Erinnerungen von Erwin Meier, der aus Ehenfeld stammt und dort bei seiner Großmutter aufgewachsen ist. Er musste mit ihr zu den Dorfnachbarn Hutzagöih. Er weiß nichts von einer oder mehreren festen Hutzastub‘n in Ehenfeld. Seines Wissens nach sind die Ehenfelder, wenn am Tag alles abgearbeitet war, abends Hutza gegangen und haben sich abwechselnd bei verschiedenen Dorfbewohnern in der guten Stube getroffen. Dabei hat man immer andere Dorfbewohner getroffen und, je nach Anwesenden, gestalteten sich der Abend und der Gesprächsstoff.

Erwin Meier erinnert sich daran, dass in der Hutzastub‘n vom Senior bis zum Kind alles zusammen kam. Hier stand der Austausch der Dorfneuigkeiten im Vordergrund – neben diverser Handarbeiten wie Stricken, Häkeln, Klöppeln, Stopfen, Nähen und Spinnen beispielsweise. Wenn das Federvieh für die Allerweltskirwa, Martini und Weihnachten geschlachtet war, mussten bei den abendlichen Treffen auch die Federn für’s Bett geschlissen werden. Selbstverständlich wurden bei den abendlichen Zusammenkünften auch die Schnitt- und Strickmuster sowie Anweisungen für sämtliche praktizierte Handarbeiten gegeben. Die Männer fertigten in der Hutzastub‘n nach Aussagen von Erwin Meier Stricke, Besen und Pantoffel.

Die Hutzastub‘n diente aber auch zum allgemeinen Kochen, Backen und Einmachen. Erwin Meier erinnert sich an das Ausbuttern und den anschließenden Genuss von frischer Buttermilch und Butterbrot mit Schnittlauch.

An Weihnachten wurde miteinander Plätzchen gebacken und zur Kirwa Kücheln. An den Schlachttagen freuten sich die Hutzagänger schon auf die Wurstsupp’n, die umso besser war, je mehr Leberwürste bei der Zubereitung aufgeplatzt waren. Luxusvarianten dieser Suppewaren mit Graupen und Kesselfleisch versetzt. In Ehenfeld hat es nach Erinnerungen von Erwin Meier auch einen Dorfbackofen gegeben, der den ganzen Tag im Betrieb war. Die Restwärme am Abend wurde von den Hutzagängern zum Backen eines Roggenkuchen genutzt, der gleich verspeist wurde.

„Das Hutzagöih diente dem Austausch von Neuigkeiten, war aber auch Ausdruck der Gemeinschaft und des Zusammenhalts der Dorfgemeinschaft, was sich in der gegenseitigen Unterstützung zeigte“, betont Erwin Meier.